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Südsauerlandmuseum Attendorn Skulpturen des Mittelalters 1200 -1550 [Inv. Nr. 92/77; Inv. Nr. 92/78-1 (Arme); Inv. Nr. 92/78-2 <(Arme)]

Kruzifix, Fragment

Kruzifix, Fragment (Südsauerlandmuseum Attendorn CC BY-NC-SA)
Provenance/Rights: Südsauerlandmuseum Attendorn (CC BY-NC-SA)

Description

Das Fragment zeigt den Korpus des tot am Kreuz hängenden Christus. Das Haupt ist zur rechten Seite geneigt, die Augen sind geschlossen (gebrochen) und der Mund leicht geöffnet. Das hagere Gesicht mit eingefallenen Wangen, tiefen Nasolabialfalten und den beiden vertikalen Stirnfalten zeigt Spuren der überstandenen Qualen des Herren. Das schmale Gesicht wird von bauschig bewegtem Haar gerahmt und eine Strähne fällt lang auf die rechte Schulter. Eine breite, aus zwei sich umwindenden Ästen gebildete Krone liegt schwer auf dem Haupt.
Auch der Körper ist ausgezehrt. Der Brustkorb drückt sich nach vorne. Zwischen den anatomisch unklar formulierten Rippen klafft die Seitenwunde tief. Ein Tuch mit kräftigen Zugfalten ist um die schmale Hüfte gelegt und links gebunden. Die kurzen Stoffenden fallen kaum bewegt schwer nach unten. Die dünnen Beine knicken leicht nach vorne. Die Knie sind parallel nebeneinander, die Füße dagegen übereinander, mit einem Nagel ans Kreuz geschlagen.
Die Körperproportion des Gekreuzigten mit großem Kopf und leicht verkürzten Beinen verrät, dass das Kruzifix sich einst an erhöhtem Standort befunden hat, denn betrachtete man es von unten verschiebt die Perspektive die Proportionen zu einem harmonischen Bild. Die schräg nach oben führenden Armansätze zeigen, das die verlorenen originalen Arme in einem Winkel nach oben angebracht waren, die den Eindruck des am Kreuz hängenden Körpers verdeutlichen.
Durch Wurmfraß entstandene Holzschäden vermitteln eine grobe Schnitzarbeit, jedoch war die Figur sicher ursprünglich auch auf eine farbige Fassung hin konzipiert und aus diesem Grund nicht so feinteilig ausgearbeitet.
Die gesamte Erscheinung der Figur mit ihren anatomischen Unzulänglichkeiten, der schweren Krone ohne Dornen und der Faltenqualität des Lendentuches lassen eine Entstehung des Kruzifixes in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts annehmen.

Interessant ist die Provenienz des spätmittelalterlich-frühneuzeitlichen Kruzifixus. Es wurde nämlich von Alexander Schnütgen (1843-1918), dem bedeutenden Kölner Domkapitular und Sammler mittelalterlicher Kunstwerke in die Kirche von Listernohl gestiftet. Alexander Schnütgen hatte zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Listernohl die Kirche St. Augustinus und die Friedhofskirche neu einrichten lassen. Angeregt durch das Listernohler Beispiel, konnten die Einwohner der umliegenden, ärmeren Gemeinden des Amtes Attendorn, Alexander Schnütgen als großzügigen Gönner für den Bau weiterer Kirchen des pastoral bisher unterversorgten Gebietes gewinnen. So finanzierte er Kirchenneubauten in Lichtringhausen (1910) Listerscheid (1913) und Ennest (1915). Die Neubauten waren durch zwei wesentliche Faktoren begründet: zum einen durch die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts deutlich gewachsenen Bevölkerung, zum anderen durch die Reaktion der katholischen Kirche auf den Kulturkampf. Die Einrichtung der Listernohler Kirchen war für den Geistlichen dagegen mehr privat motiviert, denn hier in der Nähe lag der Hof Weuste der Familie Schnütgen und hier wollte der Prälat für sich und Familienmitglieder die letzte Ruhestätte errichten. 1902 erwarb der Kölner Domkapitular das Grundstück mit dem darauf befindlichen Ökonomiegebäude. Dieses 1722 errichtete dreiflügelige Gebäude war bereits seit dem 15. Jahrhundert eine Dependance des Augustiner-Chorherrnstiftes Ewig und hatte in Teilen auch nach der Säkularisation noch als Kirche gedient. Das zuletzt als Stall genutzte Barockgebäude wurde nun zur Wiederaufnahme des Gottesdienstes hergerichtet. Für die Ausstattung kaufte Alexander Schnütgen Inventare rheinischer Kirchen, die nicht mehr gebraucht oder durch neue ersetzt werden sollten, Pfarren oder Kirchengemeinden ab. Die Kaufpraxis Schnütgens war dabei nicht immer unumstritten. So gelangten die ins 18. Jahrhundert datierten Altäre, die Kommunionbank und die Orgelempore von Alfter bei Bonn 1904 und 1907 nach Listernohl. Weiterhin wurde die sauerländische Kirche mit Beichtstühlen, der Orgel, Sakristeischränken sowie vier großen steinernen Figuren aus der verlassenen Kirche von Köln-Longerich ausgestattet. Heiligenfiguren und Kleingerät trug der Gönner aus verschiedensten, zwischen Köln und Bonn liegenden rheinischen Kirchen für seine Stiftungen zusammen, so aus Harff, Hersel Gesch bei Bergheim oder Nörvenich. Die genaue Provenienz der einzelnen Ausstattungsstücke ist leider nicht immer schlüssig zurückzuverfolgen, da die Rechnungen und Korrespondenzen sich nicht immer mit den Inventaren decken. So ist auch die genaue Herkunft des heute im Südsauerlandmuseum präsentierten Kruzifix aus Listernohl nicht durch Quellen überliefert. Auffällig ist, dass für Listernohl vornehmlich barocke Ausstattungsstücke verzeichnet sind, die eigens angeschafft wurden. Vielleicht stammt das spätmittelalterliche Kruzifix aus der umfangreichen privaten Sammlung des Alexander Schnütgen, der seit der zweiten Hälfte der 1860er Jahre systematisch mittelalterliche Kirchenschätze zusammentrug – eine Sammlung, die Schnütgen 1906 an die Stadt Köln übertrug und heute im eigens errichteten, nach dem Stifter benannten Museum der Öffentlichkeit präsentiert wird.

Beim Bau der Listertalsperre im Jahre 1965 wurden die wesentlichen Bestandteilen der Kircheneinrichtung der neuen Pfarrkirche St. Augustin in Neu-Listernohl übertragen. Der Ort Listernohl mit den von Schnütgen gestifteten Kirchen wurden abgebrochen und geflutet.

Material/Technique

Holz / dunkel lasiert

Measurements

H 63 cm; B 12 cm; Ti 9 cm

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... When
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Literature

Keywords

Object from: Südsauerlandmuseum Attendorn

Der volle Name des Museums lautet "Südsauerlandmuseum Attendorn - Museum für Kunst- und Kulturgeschichte des Kreises Olpe in Attendorn" Das ...

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[Last update: 2019/07/01]

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