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Landesmuseum Württemberg Schausammlung "Glas aus vier Jahrtausenden. Sammlung Ernesto Wolf"

Schausammlung "Glas aus vier Jahrtausenden. Sammlung Ernesto Wolf"

Das Landesmuseum Württemberg verfügt mit der Glassammlung Ernesto Wolf über eine der renommiertesten Sammlungen der Welt - mit Gläsern aus vier Jahrtausenden. In einem Tonnengewölbe unter dem Alten Schlosses in Stuttgart sind rund 700 gläserne Kostbarkeiten ausgestellt.
Der antike Sammlungsteil weist eine enorme Bandbreite auf, die es erlaubt, die antike Glasgeschichte von ihren Anfängen bis in die spätrömische und byzantinische Zeit zu zeigen. Die ältesten Objekte reichen bis in die Bronzezeit zurück. Ägyptische Gefäße zeugen von der ersten Hochblüte der Glasherstellung. Zum Tafelluxus der hellenistischen und frührömischen Zeit gehörten außerdem viele farbenprächtige Stücke.
Mit raffinierten Veredelungstechniken für Hohlgläser steht Venedig im Mittelpunkt nachmittelalterlicher, europäischer Glaskunst. In der Ausstellung wird den venezianischen Gläsern, einem Schwerpunkt der Sammlung, Nürnberg als frühes Glaszentrum nördlich der Alpen gegenübergestellt. Eine Vielzahl geschnittener und geschliffener Pokale macht die Besonderheiten der deutschen Kunstlandschaften im späten 17. und 18. Jahrhundert sichtbar. Die Niederlande sind mit feinen gerissenen und gestippten Kelchgläsern vertreten. Bemalte Becher der Biedermeierzeit und monumentale Vasen des Historismus beschließen den Überblick über vier Jahrtausende Glasgeschichte.

[ 16 Objects ]

Das königsblaue, türkisfarben und goldgelb verzierte Glasgefäß mit zwei winzigen Henkeln ist nur schwach lichtdurchlässig. Solche Gefäße wurden aus Glasmasse über einem Kern aus Ton, Sand und organischem Material gebildet, der nach dem Erkalten entfernt wurde. Diese wohl älteste Technik, Glasgefäße zu formen, ist seit der Mitte des 2. Jahrtausends vor Christus aus Mesopotamien und vor allem Ägypten bekannt. Vom späten 6. Jahrhundert vor Christus an kam sie in der griechischen Welt zu einer zweiten Hochblüte. Trotz ihrer weiten Verbreitung durch den griechischen Handel ist über die Werkstätten dieser kostbaren Glasgefäße, die offenbar nur für Duftstoffe benutzt wurden, wenig bekannt.
Der Aryballos ist in der Schausammlung "Glas aus vier Jahrtausenden" ausgestellt.

Aryballos (Gefäß für Duftstoffe)

Venedig übernahm schon früh die führende Rolle in der europäischen Glaskunst der Neuzeit. Bereits im 15. Jahrhundert gelang es hier, die Glasmasse fast völlig zu entfärben und ein kristallklares, dünnwandiges Glas zu produzieren. Dessen Reinheit war die ideale Voraussetzung, um Farbgläser herstellen zu können. Der auffallend hohe, sich nach oben verjüngende Pokal mit vergoldeter Silberfassung ist aus Fadenglas geblasen, einer besonders raffinierten Veredelungstechnik, die die Venezianer "vetro a filigrana" (Filigranglas) nannten. Wie hoch venezianische Fadengläser geschätzt wurden, lässt sich an der Edelmetallfassung des Fußes ablesen, die der Nürnberger Goldschmied Hannß Resth dem Pokal nach seinem Transport über die Alpen anpasste.
Der Pokal ist in der Schausammlung "Glas aus vier Jahrtausenden" im Alten Schloss ausgestellt.

Pokal in Silberfassung

Die Veredelungstechnik des Diamantreißens war um 1534 in Venedig eingeführt worden. Mit der Spitze eines Diamanten werden Linien in die Oberfläche des erkalteten Gefäßes eingeritzt, die durch das Aufrauen der Glashaut weiß erscheinen. Die von Erzherzog Ferdinand von Tirol gegründete Hofglashütte in Innsbruck versah zwischen 1570 und 1590 nicht nur farblose Gläser, wie dies in Venedig üblich war, sondern auch smaragdgrüne und saphirblaue Gefäße mit gerissenen Dekoren. Der Vasenpokal mit seiner kontrastreichen Umrisslinie zeigt eine Kombination von Diamantriss, farbiger Kaltmalerei und Golddekor auf dem intensivblauen Glaskörper. Typisch für Tiroler Arbeiten ist der in die Form geblasene Balusterschaft des Pokals.
Der Deckelpokal ist in der Schausammlung "Glas aus vier Jahrtausenden" im Alten Schloss ausgestellt.

Deckelpokal

Die Technik der Emailmalerei auf Glas kam über Tirol aus Venedig nach Deutschland. Den Malfarben wird pulverisiertes Glas beigemengt. Nach dem Bemalen der erkalteten Gefäßoberfläche werden die Gläser im Ofen erhitzt, wobei der schmelzende Farbauftrag eine Verbindung mit der Glaswand eingeht. Die Vorteile dieser Dekorationsart gegenüber der Kaltmalerei liegen in der enormen Leuchtkraft der Farben. Das zylindrische Glas ist eines der frühesten erhaltenen Beispiele für deutsche Emailmalerei. Es zählt zu den fünf ältesten Exemplaren vom Typus der Reichsadlerhumpen. Die Darstellung zeigt den Doppeladler des Heiligen Römischen Reiches mit dem Bild des Gekreuzigten auf der Brust.
Der Humpen ist in der Schausammlung "Glas aus vier Jahrtausenden" im Alten Schloss ausgestellt.

Reichsadlerhumpen

Dass Emailmalerei in Deutschland so außerordentlich beliebt war, hängt wohl mit den hier üblichen Trinkgefässen zusammen. Die Wandung der riesigen Humpen bot den idealen Malgrund für großflächige Motive. Auf dem Deckelhumpen dargestellt ist Schloss Coswig an der Elbe. Der rückwärtig aufgemalte Trinkspruch weist auf die ambivalente Wirkung von Alkoholgenuss hin: "Mit massen Trincke mich, / So bin ich recht vor dich, / Die weisheit vnd die Sorgen, / Sindt in mir Verborgen, / Ich hege Lust vnd Leidt, / ich gebe fried vnd streidt, / Vnd mache soll ichß melden, / Viel betler vnd viel Helden, / 1676."
Der Deckelhumpen ist in der Schausammlung "Glas aus vier Jahrtausenden" im Alten Schloss ausgestellt.

Deckelhumpen mit Darstellung von Schloss Coswig an der Elbe

Weltweit sind nur zehn farbig bemalte Gläser mit der Signatur des Glasmalers Johann Schaper bekannt. Neben diesem Becher aus der berühmten Sammlung des gebürtigen Stuttgarters Ernesto Wolf besitzt das Landesmuseum eine weitere dieser kostbaren Raritäten, ein Glas mit der Darstellung von Bettlern. Die beiden Schaper-Becher sind nur einer der zahlreichen künstlerischen Höhepunkte in der Sammlung veredelter Gläser aus Renaissance und Barock.
Der Becher mit ziehenden Zigeunern ist in der Schausammlung "Glas aus vier Jahrtausenden" im Alten Schloss ausgestellt.
Erworben aus Mitteln der Museumsstiftung Baden-Württemberg.

Becher mit ziehenden Zigeunern

Der Nürnberger Georg Schwanhardt d. Ä. (1601-1667), der in Prag bei Caspar Lehmann (1563-1622) das Glasschneiden erlernt hatte, brachte bei seiner Rückkehr 1622 die neue Kunst in seine Heimatstadt mit. So konnte sich Nürnberg zum frühesten Zentrum für Glasschnitt in Deutschland entwickeln. Hermann Schwinger, ein Meister der zweiten Künstlergeneration, erreichte vor allem in seinen letzten Schaffensjahren ein von anderen kaum erreichtes Niveau im Porträtschnitt. Der Hohlbalusterpokal mit Bildnis Kaiser Leopolds I. (reg. 1658 bis 1705) legt davon Zeugnis ab. In Wechselspiel von matten und geblänkten Partien schuf er eine ausdrucksstarke Charakterstudie des Herrschers. "Herman Schwinger. / Cristallschneider N." signierte er sein Werk.
Der Pokal ist in der Schausammlung "Glas aus vier Jahrtausenden" im Alten Schloss ausgestellt.

Hohlbalusterpokal mit Bildnis Kaiser Leopolds I.

Der sogenannte Augustus Rex-Pokal aus der Sammlung Ernesto Wolf ist ein faszinierendes Beispiel für die Kunst des Glashochschnitts. Im Gegensatz zum Tiefschnitt wird das gewünschte Darstellungsmotiv beim Hochschnitt erhaben aus der Glaswandung herausgearbeitet, indem man die Umgebung abträgt. Entstehungsort und -zeit des ungewöhnlich gestalteten Pokals - sein Deckel ist als Kurhut mit Hermelinbesatz gebildet - sind bestens dokumentiert. Am 10. Dezember 1731 richtete der Hüttenschreiber der königlich-polnischen kurfürstlich-sächsischen Glashütte in Dresden eine Rechnung an August den Starken. Sie enthält einen Deckelpokal für 110 Taler, der sich dank der präzisen Beschreibung zweifelsfrei mit dem Stuttgarter Hochschnittpokal identifizieren lässt.
Der Pokal ist in der Schausammlung "Glas aus vier Jahrtausenden" im Alten Schloss ausgestellt.

Deckelpokal mit Wappen und Monogramm Augusts des Starken

Der Weimarer Hofglasschneider Andreas Friedrich Sang hinterließ mehrere signierte Gläser, darunter den reich dekorierten Deckelpokal von 1729. Der Deckel ist als Flakon mit eingeschliffenem Stöpsel gearbeitet. Der Pokal dagegen zeigt die Grundform, die im 18. Jahrhundert für die Gattung verbindlich wurde. Voraussetzung dafür war die Entwicklung des böhmischen Kreideglases am Ende des 17. Jahrhunderts. Dessen Reinheit erlaubte die Herstellung dickwandiger Gefäße, die den Glasschneidern neue Möglichkeiten eröffneten. So wurde der Glasschliff, dessen Oberflächenreiz in den Lichtbrechungseffekten liegt, für Schaft, Kuppaansatz und Deckelknauf beinahe obligatorisch. Der Deckelpokal, dessen Kuppa ein Kinderbacchanal als Figurenfries umzieht, beweist die besondere dekorative Begabung Sangs. Er ist in der Schausammlung "Glas aus vier Jahrtausenden" im Alten Schloss ausgestellt.

Deckelpokal mit Kinderbacchanal

Der Niederländer Bastiaan Boers verzierte, wie die Signatur besagt, den hohen Römer aus lichtgrünem Glas am 20. Juni 1699 mit einem Trinkspruch: "Heden vrolyk morgen Sorgen" (heute fröhlich, morgen Sorgen). Der sogenannte Römer, ein Trinkglas auf gesponnenem Fuß mit kugeliger Kuppa und nuppenbesetztem Schaft, meist aus grünem Glas geblasen, hatte sich im 15. Jahrhundert im Rheinland als Gebrauchsglas für Wein herausgebildet. Dekorierte Exemplare sind die Ausnahme. Der Typus des Kalligraphengläser entstand in den Niederlanden in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts. Wie alle Kalligraphengläser, deren einziger Dekor aus einem Schriftzug besteht, lebt auch dieser Römer von der kraftvollen Spannung des Schreibduktus. Er ist in der Schausammlung "Glas aus vier Jahrtausenden" im Alten Schloss ausgestellt.

Römer mit Kalligrapheninschrift

Das Diamantpunktieren des Glases, auch Stippen genannt, ist eine niederländische Erfindung des 18. Jahrhunderts. Mit leichten Hammerschlägen auf einen Diamantgriffel setzt der Künstler feinste Punkte auf die Glasoberfläche. Je nach ihrer Dichte schließen sich die Punkte zu unterschiedlich hellen Flächen und damit zu äußerst differenziert modellierten Motiven zusammen. David Wolff (1732-1798) ist einer der bekanntesten Punktierer. Wie seine Kollegen bevorzugte er Porträtdarstellungen oder figürliche Motive, Sujets also, die von der Modellierung leben. Das Stengelglas mit den drei geflügelten Genien stammt aus Wolffs später Schaffenszeit. Typisch für ihn sind Gesichter mit großen dunklen Augen unter schweren, durch dichteste Punktsetzung sehr hellen Augenlidern.
Das Stengelglas ist in der Schausammlung "Glas aus vier Jahrtausenden" im Alten Schloss ausgestellt.

Stengelglas

Johann Joseph Mildner, ein Glasschleifer aus Gutenbrunn in Niederösterreich, griff gegen Ende des 18. Jahrhunderts die Zwischengoldtechnik auf, die im zweiten Viertel des Jahrhunderts in Böhmen ihren Höhepunkt erlebt hatte. Bei Zwischengoldgläsern befindet sich der gesamte Dekor zwischen zwei Glasschichten, die exakt ineinander passend gearbeitet sein müssen. Der 1795 datierte Becher mit dem Wappen der Familie Wirth hat gleichsam als Untergrund die vollkommen durchlaufende Goldfolie, die nach außen unterbrochen wird von einem silbernen Perlfries und daran befestigten radierten Lorbeergirlanden. Auf der Wandungsmitte ist ein Ovalmedaillon eingesetzt, das, umrahmt von einem Perlfries, das Wappen der Familie Wirth trägt.
Der Becher ist in der Schausammlung "Glas aus vier Jahrtausenden" im Alten Schloss ausgestellt.

Becher mit dem Wappen der Familie Wirth

In solchen kleinen, kunstvoll gestalteten Gefäßen wie dem Krateriskos bewahrte man parfümierte Öle, duftende Salben und Kosmetika auf. Das Gefäß ist ein eindrucksvolles Zeugnis der Hochblüte der Glasmacherkunst des Alten Ägyptens. Glas galt zu dieser Zeit als besondere Kostbarkeit. Die Herstellungstechnik war vor Erfindung der Glasmacherpfeife kompliziert und benötigte große Erfahrung. Hohlgefäße wurden um einen Kern geformt: Man fertigte einen aus Ton, organischen Materialien und Sand bestehenden Kern in der Form des späteren Gefäßinneren. Dieser wurde mit Glas ummantelt und nach Erkalten des Gefäßes schließlich vorsichtig entfernt.
Die Werkstätten lagen meist in der Nähe der pharaonischen Residenzen und ihre Produkte waren nur für die Oberschicht erschwinglich.
Der Krateriskos ist in der Schausammlung "Glas aus vier Jahrtausenden" ausgestellt.

Krateriskos

Gläserne zweihenklige Gefäße mit Deckel dienten als Vorratsgefäße in römischen Haushalten. Sekundär wurden sie aber häufig als Aschenurnen genutzt. Die Zweitverwendung von Haushaltsgefäßen als Urnen war in den römischen Nordwestprovinzen gang und gäbe. Neben den gläsernen Vorratsgefäßen wurden auch Kochtöpfe oder Tongeschirr als Urnen gebraucht.
Das Gefäß wurde angeblich in Südfrankreich gefunden. Es wurde von dem Sammler Ernesto Wolf (1918-2003) erworben.
[Nina Willburger]

Vorratsgefäß, Urne

Dem aus dunkelgrünem Glas geblasenen Becher ist am oberen Rand mit dem Diamanten eine Inschrift eingeritzt:"Trinckh mich aus unnd würf mich Nider / Heb mich auf unnd vill mich wider / Ao. 1658".
Der mit Beerennoppen besetzte Becher gehört zum Typus der sogenannten Unzerbrechlichen. Etwa 30 Exemplare sind bekannt, was wohl ihrer extremen Dickwandigkeit zu verdanken ist. Alle sind mit derselben Inschrift versehen und tragen Datierungen zwischen 1643 und 1677. Das Trinkglas stammt aus dem Besitz von Ernesto Wolf (1918-2003). 1991 hatte das Landesmuseum dessen weltberühmte Sammlung veredelter Gläser aus Renaissance und Barock erworben. Zur Eröffnung der damaligen Neuaufstellung 1993 brachte Ernesto Wolf den "Unzerbrechlichen" als Geschenk mit.
[Sabine Hesse]

Trinkbecher

Das um einen Stab geformte, zylinderförmige Gefäß wurde aus opakem, dunkelbraunem Glas gefertigt und mit aufgelegten Glasfäden verziert: Zwei weiße Fäden fassen unterhalb der leicht ausladenden Lippe einen hellblauen Zickzackfaden ein. Ein dunkelbrauner Faden windet sich spiralig vom Boden ausgehend bis zum unteren weißen Faden um das Gefäß.
Aus der Kohel-Röhre ragt ein bronzener Stab, der mit dem Inhalt, dem Kohel, zusammenkorrodiert ist und ursprünglich zum Auftragen schwarzer Augenschminke benutzt wurde. Kohel - vom arabischen "kokhl" - wurde von Frauen und Männern aus kosmetischen und medizinischen Gründen verwendet. Basierend auf Bleiglanz wurde es sowohl vorbeugend als auch heilend z. B. bei Bindehautentzündungen benutzt.
Das Gefäß datiert in das 5. Jh. v. Chr. Sein Fundort ist nicht bekannt, Vergleichsfunde lassen darauf schließen, dass es im Nordwest-Iran hergestellt wurde.
Aus der Sammlung Ernesto Wolf.
[Nina Willburger]

Kohel-Röhrengefäß mit Auftragstab