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Lindenau-Museum Altenburg Einhundert indische Gouachen um 1800

Einhundert indische Gouachen um 1800

Eine besondere Kostbarkeit im Besitz der historischen Kunstbibliothek des Lindenau-Museums ist ein Album aus der Zeit um 1800 mit hundert originalen indischen Gouachemalereien unter dem Titel "Oriental Costumes Drawn after Nature". Die Malereien stammen aus Tanjore, einem Zentrum südindischer Kunst. Sie sind den sogenannten Company School Paintings zuzuordnen - Bildern, die von indischen Künstlern für den europäischen Markt gemalt wurden. Das zweibändige Album muss als eine der schönsten und umfangreichsten Sammlungen von Bildern aus Tanjore um 1800 angesehen werden. Verglichen mit Alben aus den großen Museen Englands oder Kopenhagens, erweisen sich die Altenburger Blätter als besonders hochkarätiges Material. Die 100 Gouachen sind auf zwei Bände aufgeteilt, die sicher in Europa (wahrscheinlich in England) gebunden worden sind. Die einzelnen Blätter sind auf blasslila Passepartouts aufgeklebt und mit einem goldenen Rand umgeben. Auf den Passepartouts ist in englischer Reinschrift, immer von der gleichen Hand, die Bezeichnung des abgebildeten Gegenstandes geschrieben. Die Bilder wurden auf grundiertem Papier gemalt, das dann auf einen dünnen Karton aufgezogen wurde. Die Größe der einzelnen Bilder unterscheidet sich geringfügig und schwankt leicht um 35 cm × 24,5 cm. Der überwiegende Teil erscheint im Hochformat, aber wenn es das Thema verlangt, wird auch das Querformat angeboten. Ausgeführt sind die Bilder in deckenden Wasserfarben, Gouache genannt, das heißt mit wasserlöslichen Pigmenten, die mit Leim oder Kreide vermischt sind und dadurch ihr charakteristisches deckendes Aussehen erreichen. Es handelt sich hier um eine in Indien gebräuchliche Technik. Die einzelnen Titel der Bilder wurden also nach dem Montieren auf das Passepartou wahrscheinlich in Europa geschrieben. Da die englischen Titel oft orthographische Fehler aufweisen und die Unterschriften nicht immer fachlich korrekt sind, kann man darüber spekulieren, wer sie wohl wo angefertigt hat.
(Werner Kraus)

Im Bestand des Victoria and Albert Museums in London befinden sich ähnliche Gouachen, angefertigt von Company School Malern aus Thanjavur (Tanjore).
Link: http://collections.vam.ac.uk/search/?offset=0&limit=15&narrow=0&q=company+paintings&quality=0&objectnamesearch=&placesearch=Thanjavur&after=&after-adbc=AD&before=&before-adbc=AD&namesearch=&materialsearch=&mnsearch=&locationsearch=

[ 100 Objects ]

Ein Pantoffel-Schuster und seine Frau

Bereits an der Kleidung der Frau kann man erkennen, dass es sich hier um eine höhere Handwerkerkaste handelt. Die Frau trägt unter dem durchscheinenden Brusttuch ein Leibchen, sodass ihre Brüste bedeckt sind. Bei Abbildungen niederer Kasten sind die Frauen in der Regel so bekleidet, dass eine Brust sichtbar bleibt. Allein dadurch wird die Stellung einer Kaste dokumentiert. Die Zugehörigkeit zu einer angesehenen Kaste wird auch durch das Attribut, ein Paar kostbarer Sandalen, die der Mann in seinen Händen hält, wiederholt. Die goldenen Sandalen zeigen, dass es sich hier nicht um einen Schuster«, sondern um einen angesehenen Pantoffelhersteller handelt. Es könnte sein, dass wir es hier mit dem königlichen Pantoffelmacher von Tanjore zu tun haben. (Werner Kraus)

Ein Maratha-Brahmane und seine Frau

Der Brahmane trägt einen Turban, puckery genannt, aus farbigem Stoff mit einem Zickzackmuster, versehen mit einem goldenen Band. Neben einem weißen Hüfttuch, dhoti, mit rotem Rand, trägt er allein einen orangen Schal (angavastra) mit exquisit bestickter palla (Schal-Ende) über einem fast durchsichtigen Hemd. An den Füßen trägt er goldene Sandalen, und der Ohrschmuck besteht aus den üblichen großen, goldenen Ringen. Seine Bedeutung wird hervorgehoben durch eine gewichtige goldene Kette. Die drei horizontal und parallel verlaufenden Striche auf seiner Stirn sind ein Shiva-tilaka, ein Zeichen, dass er sich zur shivaitischen Variante des Hinduismus bekennt. Als Attribut trägt er ein Manuskript in Devanagri-Schrift in der rechten Hand, in der linken einen Betelpriem, pan. Seine Frau trägt einen prachtvollen gewebten Seidensari aus Westindien. Diese Stoffe zählten zu den kostbarsten des Landes, und der Maler unterstreicht damit die hohe Position des Maratha-Brahmanen.
Das Volk der Marathen stammt aus Zentralindien und stieg nach seiner Einigung unter dem Fürsten Shivaji im 17. Jahrhundert zu einer der bedeutendsten Militärmächte auf. Zeitweise erstreckte sich ihr Einflussgebiet über weite Teile Zentral-, Süd- und Nordostindiens. Sie wurden die schärfsten Widersacher des späten Moghulreichs, und auch den Engländern traten sie als starke politische und militärische Macht gegenüber. Maratha-Brahmanen folgten der militärischen Ausdehnung der Maratha-Macht und wurden oft als die »Gehirne« der Maratha-Konföderation bezeichnet. Sie waren stark an der politischen Verwaltung eroberter Gebiete beteiligt. Das Reich von Tanjore, aus dem diese Bilder stammen, wurde von 1674-1855 einer Maratha-Dynastie regiert. (Werner Kraus)

Ein Sattler und seine Frau

Ein Sattler gehörte zur Kaste der Lederarbeiter, moochee, moochi, mocee, aus der auch, zumindest in Südindien, die Maler hervorgingen. In Nordindien waren die moci Teil der Unberührbaren, da sie tote Tiere häuteten und Felle gerbten. In Südindien dagegen wurde der künstlerische Charakter dieser Menschen herausgestellt, und oft werden sie an erster Stelle als Maler und erst danach als Lederarbeiter genannt. Charles Gold, der 1806 das bekannte Buch »Oriental Drawings« veröffentlichte, war der erste, der die Moochees als »artists of India« bezeichnete.
Der Sattler ist vornehm mit einem weißen Hemd und ebensolchem Hüfttuch bekleidet. Er trägt einen Sattel und hält mit der Linken ein angefertigtes Zaumzeug. Dabei ist er schematisch mit dem üblichen Schmuck ausgestattet. Die senkrechten Streifen auf seiner Stirn zeigen, dass er ein Anhänger der Vishnu-Version des Hinduismus ist. Seine Frau ist, wie so oft auf den Bildern dieser Serie, nicht als Individuum, sondern allein als Typus dargestellt. Ähnliche Profildarstellungen der Frauenfiguren wiederholen sich wieder und wieder. Sie hält als Attribut zwei Steigbügel in der Hand. (Werner Kraus)

Ein Laskar (Soldat) und seine Frau

Das Wort laskar wurde der persischen Sprache entlehnt, wo lashkar »eine Armee« bedeutet. Als die Portugiesen den Indischen Ozean erreichten, übernahmen sie dieses Wort als lasquarin, und aus dem Portugiesischen wanderte der lascar sowohl in die englische, wie auch die holländische Kolonialsprache. Im Indien des späten 18. Jahrhunderts verstand man unter Laskar einen Hilfssoldaten bei der Artillerie.
Auf dem Bild sehen wir einen Laskar, der ein Pulverfässchen und eine Zündschnur trägt. Seine dazugesellte Frau zeigt durch ihre einfache Kleidung und die freie Brust die niedere Stellung des Berufs des Laskars. (Werner Kraus)

Muslimischer Traumdeuter und Wahrsager

Der bärtige Mann trägt einen kariertes gewickeltes Hüfttuch, lungi, und drüber einen roten Mantel. Über die Schultern hat er einen schwarzen Schal (eine Decke?) geworfen, während ein gelber Schal quer über seinen Körper gebunden ist. Er trägt eine doppelläufige Halskette aus großen blauen Steinen und eine weitere längere, die wahrscheinlich aus Samenkörnern besteht. Sein Kopf ist von einer eigenartigen, Mitra-förmigen Mütze bedeckt, an den Füßen trägt der Mann Sandalen. In der rechten Hand hält er eine Wasserpfeife, in der linken Hand einen Vogelbauer samt Vogel. Offensichtlich ist der Vogel Teil seiner Methode der Traumdeutung. Seine Frau, die wiederum sehr schematisch dargestellt wird, ist durch ihr langes schwarzes Überkleid und die Hosen sowie durch den grünen Schal als Muslima gekennzeichnet. Sie trägt als Attribut einen Fächer in der linken Hand und einen muslimischen Rosenkranz, wie ihn häufig die Sufis benutzen, in der rechten. Ihre Füße stecken in roten Pantoffeln. Weder ihm noch ihr wird ein eindeutiges islamisches Symbol zugeordnet. (Werner Kraus)

Ein Metzger und seine Frau

Ein Metzger hält ein Stück Geflügel in seiner rechten Hand, in der linken hat er sein wichtigstes Attribut, das Messer. Er trägt kurze rote Hosen und ein seltsam geschlungenes Lendentuch. Außer einem Turban, der wie ein Maratha-Turban aussieht, trägt er keine zusätzliche Kleidung. Metzger werden in den Company-School-Alben eher selten dargestellt. Wenn überhaupt, dann beschäftigen sie sich mit der Herrichtung von Schaffleisch.
Die hier gewählte Darstellung eines Geflügel-Metzgers ist mir von anderen Alben nicht bekannt. Das auf die Stirn gezeichnete Mal weist den Metzger als einen Anhänger Shivas aus. Seine Frau ist für die Frau eines Metzgers, der wegen seines Handwerks am Rande der Gesellschaft stand, zu kostbar gekleidet. Aber wie wir schon des Öfteren angedeutet haben, war es nicht das Bestreben der Tanjore-Maler, reale Verhältnisse darzustellen. Da viele Hindus der höheren Kasten vegetarisch lebten, war die Kaste der Metzger natürlich eine niedere. (Werner Kraus)

Ein Toddi-Mann und seine Frau

Toddi ist ein aus unterschiedlichen Palmen gezapfter süßer Saft, der vergärt und zu einem alkoholischen Getränk umgewandelt wird. Diese Art der Alkoholproduktion ist über den ganzen tropischen Gürtel der Erde verbreitet.
Der Toddi-Mann trägt nur einen Lendenschurz und einen eigenartigen, rot-schwarzen Hut, der auch bei anderen Personen aus unterschiedlichen Ständen zu sehen war. Auf der graubemalten Stirne sehen wir drei horizontale Striche und einen gelben Punkt. Die Striche wiederholen sich auf der Vorderseite des Halses, auf den Oberarmen, der Brust und auf den Ellenbogen. Sie sind mit Asche aufgetragen und weisen auf seine Zugehörigkeit zum Shiva-Kult hin. Als Schmuck sehen wir nur einen großen goldenen Ohrring mit einer blauen Perle (die sich im Ohr wiederholt) und silberne Armbänder an den Handgelenken. In seiner rechten Hand hält der Toddi-Mann das Haumesser, mit dem er den Blütenstempel der Palmblüten anschneidet. Mit der Linken trägt er die schmale Leiter, mit der er die Krone der Palme erreicht. Als weitere Geräte sehen wir ein zweites und drittes Spezialmesser in seinem Köcher und ein irdenes Gefäß, das den heraustropfenden Saft der Palme auffangen soll. Sozusagen als Attribut ist ihm ein dürres Palmblatt über die linke Schulter gelegt. Die Frau trägt den Standard-Sari der niederen Kasten, indigoblau mit braunen Streifen. Am Rand ist der Stoff rot eingefasst. Ihr Schmuck besteht aus Ohr- und Nasenringen und einigen goldenen Halsbändern. Als Attribut trägt sie einen leeren Toddi-Behälter. Wie immer sind die Personen stark idealisiert dargestellt. Das gilt besonders für den Schmuck, der in dieser Form wahrscheinlich nicht von einfachen Toddi-Zapfern besessen wurde. Aber es ging ja nicht darum, die Wirklichkeit abzubilden, sondern den Traum »Indien« für die europäischen Betrachter immer wieder zu beleben. (Werner Kraus)

Ein Wäscher und seine Frau

Der Wäscher, dhobi, übte einen wichtigen Beruf im öffentlichen Leben Indiens aus. Kein Inder höherer Kaste wusch seine Kleider selbst. Auch in den Häusern der Europäer war der dhobi ein wichtiger Angestellter. Eigentlich bezeichnete man mit dhobi die Kaste der Wäscher in Bengalen und Orissa. Im anglo-indischen Gebrauch bezog sich der Begriff jedoch auf die Wäscher allgemein. Die große Hitze in Südindien brachte es mit sich, dass die Engländer sich zwei bis drei Mal am Tag umziehen mussten. Der Wäscher hatte also immer zu tun, und der hier abgebildete zeigt, wie schwer die Last der schmutzigen Wäsche sein kann. Er trägt ein großen Bündel über die Schulter, seine Frau ein kleineres auf dem Kopf und ein zweites über der linken Schulter. Weiterhin trägt sie den Stock, mit dem die Wäsche am Fluss geschlagen wurde. Der Mann ist mit einer weißen kurzen Hose bekleidet und trägt darüber einen eigenartigen, durchscheinenden Sarong mit rotem Rand. Auf dem Kopf hat er ein raffiniert gebundenes rotes Tuch, sein Ohrschmuck ist sehr dezent, aber das Gesicht des Wäschers ist ausgeprägt und fast porträthaft gemalt. Besonders die Haare und der Bart sind fein ausgearbeitet. (Werner Kraus)

Der tank digger oder Zuständige für das Wasserreservoir

Das Wasserreservoir oder tank ist ein integraler Bestandteil der indischen Landwirtschaft und Religion. Jeder Herrscher versuchte durch das Ausbessern oder Anlegen eines tank Ansehen zu erlangen. Im tank wurde Wasser für die Trockenzeit gespeichert, das dann für religiöse Zeremonien und für die Bewässerung in der Landwirtschaft zur Verfügung stand. Der tank digger, auch odde genannt, wird hier mit seinem Werkzeug, der Hacke, und mit seiner Beute, der Ratte, dargestellt. Die Ratten graben Gänge in die Böschungen der Reservoirs und erzeugen damit undichte Stellen. Deshalb muss der tank digger ständig den Zustand der Uferbefestigung überprüfen. Seine Frau im anspruchslosen Sari hält als Attribute die Hacke und ein Seil (zum Fangen der Ratten?) in der Hand. Einhundert Jahre später entwickelte sich aus dem Beruf des tank diggers der des Eisenbahnarbeiters, dessen Aufgabe es war, die Bahntrasse zu überprüfen. Der Eindruck vom einsamen Arbeiter samt Frau, den das Blatt vermittelt, ist falsch. Tank diggers arbeiteten in Gruppen von 40 oder 50, manchmal von mehr als 100 Leuten. (Werner Kraus)

Ein Poovaloor-Chettiar und seine Frau

Der Begriff Chetti oder Chettiar hat in Indien eine Reihe von Bedeutungen. Zum einen bezeichnet er eine südindische Kaste und ist als Zusatzname weit verbreitet. Daneben versteht man schon seit langer Zeit unter Chettiar einen Händler der Sūdra-Kaste. Neben dem Handel pflegten diese Chettiars Geldgeschäfte und Geldwechsel.
Der Mann, der sehr einfach gekleidet ist, trägt eine Art von Stoffbeutel oder Sack in der linken Hand. Ob dieses Attribut ihn zum Geldwechsler macht, erscheint mir nicht zwingend. In einer Sammlung des Victoria & Albert Museums wird auf einer ähnlichen Darstellung der Mann als Bankier aus der Stadt Poovalur identifiziert, die 34 km nördlich von Tanjore liegt. Die Unterschrift auf unserem Blatt nennt diese Stadt irrtümlicher Weise Pooalore. Wir haben aber schon öfter feststellen müssen, dass die Texte nicht immer zutreffend sind, was auf eine Bearbeitung in England schließen lässt. Die Frau, die einen der sehr schönen malabarischen »tie and dye«-Saris trägt, hält als Attribut zwei Betelpfrieme, pan, in der Hand. (Werner Kraus)

Ein Hindu-Barbier und seine Frau

Bei dem Hindu-Barbier mit seinen Utensilien handelt es sich offensichtlich um einen Barbier, der sein Geschäft nicht in der Öffentlichkeit und für die Öffentlichkeit ausübt, sondern der bei einer Familie angestellt ist, so wie das in jedem großen kolonialen Haus üblich war.
Der Mann trägt das Vishnu-Zeichen auf der Stirn, die Frau ist mit einem kostbaren, indigo-blauen »tie and dye«-Sari mit roter Borde bekleidet. An den in der Regel schematisch gezeichneten Frauen wird die ganze Pracht der südindischen Textilen, die zu den Luxusgütern vergangener Jahrhunderte gezählt haben, dargestellt. Jeder Sari ist ein kulturelles Statement. (Werner Kraus)

Ein Shiva-Brahmane aus Karnataka

Der Maler hat den Brahmanen auf europäische Weise auf einen Stuhl gesetzt, eine Position die weder für der Brahmanen, noch für den Maler bekannt zu sein scheint. Der Stuhl findet keinen Kontakt zum Boden, der Brahmane weiß nicht so recht, wo er die Arme ablegen soll, und sein Diener steht mit überkreuzten Armen vor ihm und schaut fragend auf das ungewohnte Schauspiel. Ungewohnt ist auch die orange Kleidung der beiden. Die Religion Karnatakas war über die Jahrhunderte immer wieder von hinduistischen Reformschüben geprägt, aber auch von Einflüssen durch die Jainas. Vielleicht deutet die ungewöhnliche textile Ausstattung der beiden Herren auf einen solchen Einfluss durch den Jainismus hin? Die Bemalung auf der Stirn des Brahmanen weist ihn jedoch als Anhänger Shivas aus.
Karnataka wurde damals die Gegend um Mysore genannt. Die Engländer verkürzten die Bezeichnung auf Carnatik oder, wie in der Unterschrift dieses Bildes, Canady. (Werner Kraus)

Ein Sänften-Begleiter und seine Frau

Der palanquin, die getragene Sänfte, war das Haupttransportmittel Indiens. Wer etwas auf sich hielt, konnte unmöglich zu Fuß gehen, sondern musste getragen werden. Dafür stand der private palanquin zu Verfügung, für den man mindestens sechs, in der Regel aber zwölf Träger brauchte (jeweils sechs die trugen und sechs die Ruhezeit hatten). Man benutzte den palanquin für Besuche in der eigenen Umgebung sowie für Reisen übers Land. Diese fanden in einer erstaunlichen Geschwindigkeit statt, da sich die Träger ständig abwechselten. Zusätzlich zu den Trägern brauchte es einen Palanquin-Boy, der als »Personenschützer«, als Diener oder Bote, mit von der Partie war. Der hier abgebildete »Gentoo«, also Hindu-Palanquin-Boy, trägt als Attribut eine Lanze, die wohl eher als zeremonielles Gerät denn als Waffe betrachtet werden muss. Das Kastenzeichen auf der Stirn, der Halbmond, wiederholt sich als Anhänger an der Kette. Sein langer weißer Mantel wird durch ein Tuch zusammengehalten. Die Frau trägt, wie auf diesen Bildern üblich, reichen Schmuck, und ihr Sari ist von gleicher makelloser Reinheit wie der Mantel ihres Mannes.
Der Begriff palanquin wurde zuerst von den Portugiesen benutzt und stammt vom Pali-Wort pallangko oder vom Sanskrit-Begriff palyankah her. Beides bedeutet Bett oder Couch. Manchmal wird der Begriff auch mit dem javanischen Wort pelangki (tragen) in Verbindung gebracht, aber das ist eher unwahrscheinlich. (Werner Kraus)

Ein Bote von der Malabarküste und seine Frau

Peons, Boten die gleichzeitig Nachrichtensammler waren, kommen in den Company-School-Alben immer wieder und oft mehrfach vor. Dieses Bild zeigt einen Boten von der Malabarküste, der Westküste Südindiens. Er ist ausgestattet mit einem weißen Hemd und einem weißen Hüfttuch. Darüber trägt er einen kurzen blauen Mantel, der, wie man am Kragen und an den Ärmeln sieht, innen weiß gefüttert ist. Eine rote Schärpe mit einer goldenen Brosche läuft quer über seine Brust. Die Brosche zieren Schriftzeichen, die nicht zu entziffern sind. Nicht entziffert werden kann auch der Name des Empfängers des Briefes, der auf diesem geschrieben ist. Sowohl der Bote als auch seine Frau sind im Dreiviertelprofil dargestellt, wobei ihre Haltung, ihr Sari und ihr Schmuck einem Schema folgen, das wir von vielen anderen Blättern her kennen. (Werner Kraus)

Ein Chaitanya-Satani-Brahmane und seine Frau

Die Chaitanya Satani war eine Gruppe von Tempeldienern, die sich selbst als Brahmanen bezeichneten, aber von den anderen Kasten nicht als solche anerkannt wurden. Sie werden manchmal als Anhänger des bengalischen Hindu-Reformers Chaitanya betrachtet, aber dafür gibt es keine wirklichen Belege. Die Satani pflegten ihren Kopf kahl zu scheren, trugen also nicht die übliche Locke der Brahmanen und auch nicht deren heilige Schnur um den Hals. Gleichwohl banden sie ihr Lendentuch wie ein unverheirateter Brahmane, was auf unserem Bild gut zu sehen ist. Die Chaitanya Satani sind Anhänger Vishnus, was der Abgebildete durch großflächige Körperbemalung kundtut. Sowohl er, als auch seine Frau tragen einen Fächer und ein Gefäß. Der Fächer des Mannes ist mit einem großen tengalay namam, dem Zeichen der Tengalay-Vishnu-Sekte aus Srirangam, bemalt. Der Korb in seiner Hand ist aus den Blättern der Palmyra-Palme geflochten. Darin wurden Blumen für den Tempel aufbewahrt, deren Herstellung Teil der Beschäftigung der Satani war. (Werner Kraus)

Ein Vishnu-Brahmane aus Karnataka

Dass die Brahmanen als oberste Kaste des indischen Religions- und Sozialsystems eine über alle anderen herausgehobene Stellung einnehmen, hat wahrscheinlich nie der gesellschaftlichen Realität entsprochen. Schon immer gab es Unterschiede unter den Brahmanen. Nach dem Ideal der heiligen Schriften hatten sich die Brahmanen allein um das Studium der Bücher und um die genaue Ausführung der Rituale zu kümmern. Gleichwohl gab es Brahmanen in den unterschiedlichsten Berufen - als Ärzte, Händler, Ackerbauern, Hirten usw. Daneben hatte noch jede Ethnie ihre eigenen Brahmanen, und manchen Kasten gelang es, wieder zu den Brahmanen gezählt zu werden, nachdem ihre Zugehörigkeit in Vergessenheit geraten war. Das System der Brahmanen war also ein durchaus unübersichtliches und konkurrierendes.
Der hier abgebildete Brahmane aus Karnataka (der Gegend um Mysore) erscheint vor uns nicht als ein weiser Gelehrter und Kenner der Schriften, sondern als ein kleiner religiöser Spezialist, der aus seinem Stand Kapital schlagen möchte. Die Bedeutung des Blattes auf seiner Brust konnte noch nicht geklärt werden. (Werner Kraus)

Ein Barbier unter einem Baum

Barbiere müssen aus einer rituell reinen Kaste stammen, denn sie treten in intimen Kontakt mit ihrer Klientel. Inder haben sich in der Regel nicht selbst rasiert, sondern ließen rasieren. Dies geschah mit einem ziemlich einfachen Schabemesser und ohne Seife, allein mit Wasser, was den Vorgang nicht gerade zu einem Vergnügen machte. Dem Mann auf dem Bild wird teilweise das Haupthaar geschoren, und er beobachtet die Rasur mit einem Handspiegel. Barbiere boten ihre Dienste auf dem Markt oder an bestimmten Orten der Stadt an. Manchmal liefen sie auch mit ihren Utensilien durch die Straßen und ließen sich in die Häuser rufen. Das Tragen oder Nichttragen eines Bartes war keine individuelle Entscheidung, sondern hing mit der Kaste und dem Stand eines Mannes zusammen. (Werner Kraus)

Ein malabarischer Bettler mit einem verletzten Bein

Die südliche Westküste Indiens nennt man die Malabar- oder Pfefferküste, die südliche Ostküste dagegen die Koromandelküste. Während die Westküste in der Zeit des Südwest-Monsuns stark beregnet wird, liegt die östliche Koromandelküste im Regenschatten der Westghats, der westlichen Berge, und ist deshalb wesentlich trockener. Allein die großen Flüsse, die in den Westghats entspringen und nach Osten fließen, lindern die Lage erheblich. Der Kaveri, Hauptfluss in Tanjore, ist eine dieser wichtigen Wasseradern. Mit »malabarisch« meinte man zu Beginn des 19. Jahrhunderts »tamilisch« und ein malabarischer Bettler war deshalb einer aus dem in Südindien dominanten Volk der Tamilen.
Unser Bild zeigt einen armen Mann mit offenen Wunden am rechten Bein, der sich durch sein Handicap aufs Betteln verlegen musste. Bei ihm ist seine Familie: seine Frau mit den ausgemergelten Brüsten und das wohlgenährte Kind, das in einem Topf mit Wasser sitzt und sich dabei köstlich amüsiert. Die Würde der Personen wird vom indischen Künstler respektiert, obgleich die Personen keine Kastenzeichen tragen und wahrscheinlich der Gruppe der Unberührbaren angehören. (Werner Kraus)

Ein Weber und seine Frau

Der abgebildete Weber im weißen Hüfttuch und weißen Oberteil trägt einige unspektakuläre Ergebnisse der südindischen Webkunst über dem Arm. Die Stoffe von der Malabar- und vor allem von der Koromandelküste Südindiens waren seit Jahrhunderten bekannt und berühmt. Die europäischen Handelsmächte, die ab dem 16. Jahrhundert in Südostasien Gewürze aufkauften, mussten schnell begreifen, dass sie ohne indische Textilien im Malaiischen Archipel keine wirtschaftlichen Transaktionen durchführen konnten. Deshalb gründeten die Portugiesen, Holländer, Dänen und Engländer kleine Stapelplätze in Südindien, wo sie indische Gewebe für den Weitertransport nach Südostasien und China erwarben. Textilien aus Südindien wurden auch nach Arabien und sogar bis nach Westafrika transportiert. Den hier dargestellten Weber kann man gewissermaßen als ein Symbol für das Ende des oben geschilderten Prozesses verstehen: Um 1800 war die Bedeutung der Gewürze für die europäische Küche gering geworden, und für die Geschäfte auf den Inseln des Ostens waren indische Textilien nur noch bedingt gefragt. Außerdem sollte die indische Textilindustrie, unter dem Konkurrenzdruck der Billigware aus Manchester, bald ins Hintertreffen geraten. Der zufriedene Ausdruck auf dem Gesicht des Webers hatte nichts mehr mit seiner ökonomischen Wirklichkeit zu tun. (Werner Kraus)

Ein Bairāgi-Asket und seine Frau

Das Wort bairāgi stammt vom Sanskrit Begriff vairāgya (Freiheit von Leidenschaften) ab. Es bezeichnet eine Sekte von Hindu-Asketen, die Teil der vishnuistischen Tradition sind und sich besonders auf die beiden heldenhaften Inkarnationen Vishnus, nämlich auf Rama und Krishna, beziehen. Die Bairāgis teilen sich in vier Gruppen auf:
1. Die Ramamujis, die auch Sri Vaishnavas genannt werden. Sie stehen in der Tradition des hinduistischen Religionsphilosophen Ramanand.
2. Die Nimanandis, die sich in die Tradition des Philosophen Nimanand stellen.
3. Die Vishnuswamy oder Vallabacharya, die spezielle Anhänger von Rama und Krishna sind und das Ramayana als heiligstes aller Bücher betrachten.
4. Die Madhavacharya, die eine besonders starke Verbreitung in Südindien hatten.
Die Bairāgis gehen, abgesehen von einem gebundenen Schurz, der ihr Geschlecht bedeckt, nackt und lassen sich nie die Haare schneiden. Zu ihren Attributen gehören eine Wasserpfeife mit der sie ganja (Marihuana) rauchen und ein Tiger- oder Hirschfell, auf dem sie meditieren. Ihr traditioneller Pilgerweg in Südindien, auf dem viele Bairāgis lebten, führte sie von einem Rama-Heiligtum zum anderen, von Ramesvaram über Srirangam nach Tirupati und zurück. Alle Bairāgi zeigten sich als Bettler, viele, vor allem jene aus den Sūdra-Kasten, waren aber gleichzeitig auch Händler und reisten, gut bewaffnet, in kleinen Gruppen durch das Land. (Werner Kraus)

Dreschen des Reises und Schätzung der Ernte

Das Bild zeigt das Dreschen des Reises, das Trennen des Kornes von den Spelzen und dessen vorübergehende Lagerung. Während im Vordergrund ein Bauer das Korn aus den Ähren schlägt, trennt links oben die Frau die Spreu vom Reis. Auf der zum Hügel aufgeschütteten Ernte sitzt ein Schreiber der Regierung und notiert die Menge des Reises, aus der dann der Anteil des Herrschers errechnet wird. Der Steuerschätzer wird von einem bewaffneten Soldaten begleitet, der seine Arbeit absichern soll. Wir sehen hier also zwei Bilder in einem: 1. die Einbringung der Ernte und 2. die staatliche Aneignung eines Teils der Produktion der Bauern. Beide Vorgänge sind als Idylle dargestellt, und der Soldat, der schelmisch hinter dem Reishügel hervorlugt, scheint auch nicht so richtig ernstgenommen werden zu wollen. Aber es handelt sich hier natürlich um die zwei wichtigsten Szenen des landwirtschaftlichen Jahres. Der Anstrengung des Dreschens für den Bauern wird die vollkommen unangestrengte Steuerschätzung gegenüber gestellt - der Härte des Einbringens der Ernte die Leichtigkeit des Verlustes eines Teils davon. (Werner Kraus)

Ein Hircarrah-Bote und seine Frau

Der Mann trägt über seinem weißen Hüfttuch eine kurze dunkelblaue, gemusterte Jacke, die mit einem weißen Schal zusammengehalten wird. Eine rote, turbanartige Kopfbedeckung bildet einen starken farblichen Kontrast. In der rechten Hand hält er einen versiegelten Brief, offensichtlich europäischen Ursprungs. Seine Frau ist mit einem einfachen rotbraunen Sari gekleidet. Sie hält unter dem linken Arm einen großen Krug. Das Attribut, das sie in der rechten Hand hält, ist noch nicht gedeutet.
Hircarrah ist der Name einer Kaste die von lokalen Fürsten und den Engländern (auch in Tanjore) als Boten (und Spione) eingesetzt wurden. Im anglo-indischen Sprachgebrauch verstand man darunter einen Boten. (Werner Kraus)

Ein Dasari und seine Frau

Das Bild zeigt einen Dasari, einen Diener Vishnus. Dasaris lebten von Almosen, waren aber dennoch keine Bettler, da ihre Askese immer auch als ein Dienst an der Gesellschaft verstanden wurde. Der Lohn ihrer Gottesliebe und ihres persönlichen Verzichts auf die Annehmlichkeiten dieser Welt kam der gesamten Gesellschaft zu Gute.
Der Mann auf unserem Bild träg über einem Lendenschurz, der seine Scham bedeckt, einen halblangen weißen Mantel aus dünnem Material. Über seiner linken Schulter hängt ein Sack. Der Kopf ist von einem spitzen roten Hut bedeckt. In der rechten Hand trägt er einen morchhal, einen Fächer aus Pfauenfedern. Zwei dieser Federn stecken auch in seinem Hut. Pfauenfedern sind ein Symbol des Herrschers, hier ein Symbol der Herrschaft Vishnus. Eine Kette aus tulsi-Samen hängt um seinen Hals. Daneben trägt er noch eine Kette mit einem großen Medaillon, das wahrscheinlich ein Bild der Göttin Vira Anjaneya zeigt. Der Dasari ist mit einem Mundschloss ausgestattet, einer besonderen Form der Askese. Es verhindert sowohl das Sprechen als auch die Nahrungsaufnahme. Die Frau trägt einen Feuerständer, da die Dasari bei bestimmten Gelegenheiten sich selbst mit Feuer bedeckten, ohne dass sie dabei zu Schaden kamen. (Werner Kraus)

Ein Shroff und seine Frau

Mit shroff bezeichnete man in Indien einen Bankier oder Geldwechsler. Der Ausdruck ist als sharoffe seit 1610-20 nachgewiesen und entwickelte sich aus dem portugiesischen Wort xarrafo, das wiederum vom arabischen sayrāfī abstammen könnte. Der Gujarati-Ausdruck für Geldwechsler heißt śaraf. In der persisch-indischen Geschichtensammlung »Tausendundeine Nacht« erzählt Scheherzade in der 344. Nacht die Geschichte vom Dieb und vom Shroff.
Von der Kleidung der Frau lässt sich auch hier auf den Status des Mannes schließen. Ihr Sari ist feingewebt und verziert. Mit ihrer rechten Hand reicht sie ihrem Mann ein pan, einen Betelpfriem, der zugleich anregen und beruhigen soll. Die Shroff waren Geldwechsler und Geldverleiher und waren in der Regel ziemlich reiche Leute. Dies stand im Widerspruch zu der verhältnismäßig niederen Sūdra-Kaste, der sie angehörten.
In der Zeit, in der diese Bilder in Tanjore gemalt wurden, war folgende Währung im Umlauf: der Gold-Mohur, der 16 Sicca-Rupien wert war. Für eine Sicca- oder Silberrupie erhielt man 16 Annas (eine Kupfermünze). Ein Pice war eine halbe Annas, und als niedrigste Einheit zählten die Kauri-Muscheln. Für 120 Kauri erhielt man ein Pice. In Südindien kannte man noch die Pagoda, die vier Rupien wert war. (Werner Kraus)

Ein Conycoply und seine Frau

Der Begriff Conycoply ist weder in der Literatur noch in Wörterbüchern zu finden. Es scheint, dass damit eine Art Schreiber in einem Hafenlagerhaus gemeint war, dem in Madras für seine Dienste 5 Pagoden pro Monat zu zahlen waren (was dem Lohn eines Koches entsprach). Auch bei der Bestimmung der Attribute, die der Mann in der Hand bzw. unter dem Arm hält, konnte keine Gewissheit erreicht werden. (Werner Kraus)

Ein Bettler aus der Korbmacherkaste und seine Frau

Der hier abgebildete Bettler ist laut Unterschrift Teil der Korbmacherkaste, die zur Gruppe der Unberührbaren gehört. Mann und Frau tragen wohl einen großen Teil ihrer geringen Habe mit sich herum. Der Mann spielt ein Blasinstrument, das aus einer Kalebasse hergestellt worden ist.
Die drei Bilder von Bettlern, die in das Album aufgenommen wurden, zeigen diese immer als Familie mit Kindern, eine Darstellungsweise, die sonst nicht gepflegt wird. Die Bedeutung könnte sein, dass arme Leute immer Kinder haben oder dass der idyllische Blick auf die Armut diese durch den warmen Umgang mit Kindern mildert. (Werner Kraus)

Ein Spinner von der Malabarküste und seine Frau

Der Anbau von Baumwolle und die Herstellung von Baumwolltextilien wurden seit Jahrhunderten in Südindien praktiziert. Nach der Ernte musste die Baumwolle von ihren Kernen und Verunreinigungen gesäubert und dann versponnen werden.
Das Bild zeigt einen Spinner und seine Frau (die Unterschrift »Weber« ist falsch), die beide eine Spindel, asari, mit Baumwollgarn in den Händen halten. Der Mann trägt einen einfachen weißen dhoti, die Frau einen ebenso einfachen gestreiften Sari. Obgleich in Indien die Armut eines Spinners sprichwörtlich ist, hat der Maler die beiden mit kostbaren Schmuckstücken ausgestattet. Er beschreibt damit eine soziale Utopie - die Existenz eines Spinners und seiner Frau im kommenden Goldenen Zeitalter. (Werner Kraus)

Ein Koch und seine Frau

Grundnahrungsmittel waren in Indien nach den Vorstellungen der Europäer preiswert. Doch beklagten sie oft die mangelnde Qualität des Fleisches und die Eintönigkeit des Gemüses. Deshalb war es wichtig, gute Köche zu haben. Der Koch wurde im anglo-indischen Slang bobachee genannt, eine Verballhornung des indischen Begriffs bāwarchi. Die meisten Köche in europäischen Haushalten waren Muslime oder dom (eine Gruppe von Unberührbaren), da Hindus kein Rindfleisch berühren würden. Sie hatten eine ziemlich hohe Stellung im Haus. Auch der hier abgebildete Koch, der keinerlei Kastenzeichen trägt, scheint ein Muslim zu sein. Da der muslimische Koch oft Speisen zubereitete, die für ihn selbst verboten, haram, waren (Schweinefleischverbot etc.), waren die Köche dafür berühmt, dass sie ganze Speisefolgen kochen konnten, ohne ein einziges Mal ihr Gekochtes zu versuchen. Dass die Frau des Kochs freizügig eine Brust zeigt ist Fiktion des Malers. Keine muslimische Frau wäre zu jener Zeit so in der Öffentlichkeit erschienen. (Werner Kraus)

Ein Soldat des Raja von Tanjore und seine Frau

Serfoji II., der letzte unabhängige Raja von Tanjore, dessen Regierung gleichwohl unter britischer Aufsicht stand, hatte auch eine kleines stehendes Heer, dessen Uniform und Ausbildung vom 1750 gegründeten Madras-Regiment, dem ältesten aus indischen Soldaten bestehenden anglo-indischen Regiment, übernommen wurden. Diese erweiterte Leibwache hatte vor allem zeremonielle Aufgaben zu erfüllen und wurde von europäischen Offizieren (auch von deutschen) geführt.
Hier wird ein unterer Dienstgrad in Paradeuniform dargestellt. Seine Frau trägt zum knappen Oberteil einen prächtigen, blumenverzierten Rock. Ein feiner durchsichtiger Schal rundet ihre wenig traditionelle Ausstattung ab. Soll hier der moderne Beruf des Soldaten durch die »moderne« Kleidung der Frau unterstützt werden? (Werner Kraus)

Ein indischer Grenadier und seine Frau

Der einheimische Soldat, Sepoy, trägt eine kurze weiße Hose, eine rote Uniformjacke, eine dunkelblaue Leibbinde (Kummerbund) und überkreuzte Riemen über der Brust, daneben ein Gewehr und einen dunkelblauen Turban mit roter Kokarde. Die Kleidung, vor allem der Turban, definieren ihn als einen Soldaten des 36. Bataillons der Madras Native Infantry. Dieses Regiment wurde im August 1794 gegründet und besteht heute noch. Der Turban und die Kokarde sollte an die Kopfbedeckung des schottischen Highland-Regiments erinnern. Die Kleidung der Frau scheint auch hier den modernen Status des Soldaten zu unterstützen. (Werner Kraus)

Ein Korbmacher und seine Frau

Die Korbmacher, dom genannt, gehören zu der Gruppe der Unberührbaren, da es auch zu ihren Aufgaben gehört, sich um die Toten zu kümmern. Manchmal arbeiteten die dom auch als Henker. Der niedere Stand der dom erscheint auch auf diesem Bild. Der Mann trägt keine Kastenzeichen, und die ganze Familie wird in einem ziemlich verwahrlosten Zustand dargestellt. Da die dom eine der wenigen indischen Gruppen bildeten, die sowohl mit dem Fleisch von Rindern als auch dem von Schweinen umgehen konnten, ohne sich zu beflecken, wurden sie zu Beginn der europäischen Herrschaft gerne als Köche ins Haus genommen. Dies hatte wiederum zur Folge, dass kein Hindu oder Muslim im Haus eines Europäers essen konnte. In englischen Sammlungen von Company School Painting tauchen die unterschiedlichsten Bezeichnungen auf den Blättern der Korbmachers auf wie Coroavaur, Cooday Coraver, Madaraven, Camakapelle. Die Bedeutung dieser Begriffe ist unklar. (Werner Kraus)

Ein Holzsammler und seine Frau

Das Blatt zeigt einen Holzsammler und seine Frau. Sie gehören, wie schon an der dürftigen Kleidung sichtbar wird, zu einer niederen Kaste. Dass beide dennoch Goldschmuck tragen, dürfte daran liegen, dass der Künstler eine soziale Utopie darstellen will, in der es keinen Zustand des Mangels gibt. Arme Leute sind deshalb in dem Album kaum zu finden, auch die Ärmsten sind geschmückt und besitzen ein Maß an Würde. Bei genauerer Betrachtung sehen wir, dass die beiden Sammler mehr Schilf als Holz auf ihren Köpfen transportieren. Im Tal und im Delta des Kaveri-Flusses war und ist der Baumbestand gering. Aber es wächst dort viel Schilf, das sowohl als Baumaterial als auch als Brennmaterial Verwendung findet. (Werner Kraus)

Ein Grasschneider und seine Frau

Das Grasschneider-Ehepaar ist ähnlich dargestellt wie das Holzsammler-Ehepaar, mit ähnlicher Kleidung und ähnlichem, übertriebenem Schmuck. Grasschneider gehörten zur Gruppe der Unberührbaren. In Nordindien nannte man die Grasschneider ghāsyārā. Das Gras wurde kurz unter der Grasnarbe geschnitten, da Teile der Wurzeln als besonders nahrhaft galten. Es diente als Futter für die Pferde und war in großen Mengen an den Rändern der Wege, Straßen und Felder vorhanden. (Werner Kraus)

Ein Milchmann und seine Frau

Im hinduistischen Indien sind Kühe unantastbar. Eine religiöse Regel erklärte sie als gottgleich. Der Ethnologe Marvin Harris glaubt, dass hinter dem Verbot der Kuhtötung ein wirtschaftliches Prinzip steht. Das wichtigste Tier der indischen Landwirtschaft war der Ochse des genügsamen, aber ausdauernden Bos indicus, des indischen Zebus. Ohne deren Hilfe hätte man die trockenen, harten Böden Nordindiens nicht pflügen und bearbeiten können. Produzenten von jungen Stieren sind allein die Kühe. Will man den Output an Stieren (Ochsen) maximieren, dann muss man die Kühe gut behandeln, damit sie möglichst vielen Stieren das Leben schenken. Das Tötungsverbot für Kühe hat, so gesehen, einen sehr rationalen Hintergrund.
Der abgebildete Händler verkauft Kuhmilch, die im Indien des frühen 19. Jahrhunderts nur in kleinen Mengen zu haben war und die oft für rituelle Zwecke bereitgestellt wurde. Es war die Ankunft der Europäer, die den Verbrauch von Milch stark ansteigen ließ. Um diesen Markt zu bedienen, ging man dazu über, auch Büffelmilch zu konsumieren, eine Praxis, die früher in Indien kaum bekannt war. Der Mann balanciert einen befeuchteten irdenen Krug, der die Milch kühl hält, auf dem Kopf und sichert ihn mit einem Strick, den er in beiden Händen hält. Seine Frau dagegen trägt das Maß auf dem Kopf. Die Öffnung des Kruges ist durch ein Büschel Kräuter verschlossen. (Werner Kraus)

Ein Maratha-Krieger und seine Frau

Die Unterschrift des Bildes lautet »A Banty Man and his Wife« und stellt uns vor ein Rätsel. Was ist ein »Banty Man«? Als »Banty Man« bezeichnet man in der englischen Sprache einen körperlich kleinen Mann, der sich durch auffälliges, männliches Verhalten besonders hervortun will. Die Bezeichnung geht auf den bantam oder banty rooster (Hahn) zurück, die Bezeichnung einer kleinen, aber edlen Hühnerrasse aus Südostasien. Weshalb aber der hier dargestellte Mann als ein Banty bezeichnet wird, ist unklar.
Aus anderen Sammlungen kennen wir dieses Bild und wissen, dass der Dargestellte dort als »Maratha« bezeichnet wird, was der Sache auch entspricht. Wir haben es hier mit einem Maratha-Krieger mit seiner typischen Waffenausstattung zu tun: Kurzschwert und Lanze. Sein auffälliger Turban unterstützt diese Interpretation, denn er ist ein Maratha-Turban. (Werner Kraus)

Der Pferdeknecht und seine Frau

Dunkelblauer Turban, pinkfarbene Livree, weiße Kniehose und dunkelblaues Band um die Hüften - einen eleganteren Hausangestellten kann man sich kaum vorstellen. Daneben steht seine konventionell gekleidete Frau im indigofarbenen Sari mit roten gewebten Bändern und einem Muster, das durch eine Form von Ikat (Abbinden vor dem Färben) aufgebracht sein mag. Ein europäischer Haushalt in Indien verfügte über eine fein abgestufte Dienerschaft. Auch für die Pferde waren mehrere Bedienstete zuständig. Hier mag es sich um den Oberaufseher des Pferdestalles handeln. (Werner Kraus)

Ein Fackelträger und seine Frau

Der Fackelträger, massalchee, musaulchee, mash’alche genannt, begleitete seinen Herrn oder einen Reisenden bei Nacht. Da sowohl Besuche als auch Reisen hauptsächlich in der Kühle der Nacht geschahen, war der Massalchee ein wichtiger Mann für die Beleuchtung der Wege. Bei Reisen rannte er, oft für Stunden, neben der Tragesänfte her. Der idealisiert Dargestellte trägt in der linken Hand eine Öl-Fackel und in der rechten die Kanne, aus der Öl nachgefüllt werden kann. Die weiße Stirn zeigt, dass er ein Bewohner der Malabarküste ist. Schon Christoph Adam Carl von Imhoff schreibt 1769 aus Madras: »Der Malabare macht sich weiß an der Stirn mit Greide.« Der Begriff massalchee leitet sich vom arabischen Wort mash’al (Fackel) ab. Der Zusatz che kommt aus der türkischen Sprache und macht in diesem Fall aus einer Fackel einen Fackelträger. Die Fackeln bestanden aus einem Metallstab, der in einem hölzernen Griff gehalten und von ölgetränkten Lappen umwunden war. Diese mussten immer wieder aus einer Kanne mit langer Schnaube mit Öl benetzt werden. Ein Massalchee zählte zu den niederen Dienern und trug sicher nicht die saubere und farbenfrohe Kleidung, die auf der Miniatur dargestellt ist. Die Frau trägt einen blauen Sari mit rostroten Streifen mit roter Borte, wie wir ihn immer wieder auf Bildern von der Malabarküste finden. Auf dem zunächst rostrot gefärbten Tuch wurden Streifen abgebunden, die bei der zweiten Indigo-Färbung ihre ursprüngliche Farbe behielten. Die pala des Saris, das obere Ende, trägt sie als Kopfbedeckung und als Unterlage für den schweren Korb, in dem sich weiteres Öl befindet. (Werner Kraus)

Ein Bundela-Fußsoldat und seine Frau

Bundeles nannte man eine Gruppe der Rajputen, einem kriegerischen Volk aus Nordwestindien (Rajasthan). Unter den Rajputen gehörten die Bundeles zu den besonders tapferen und loyalen Kämpfern. Sie galten als die besten Soldaten und waren nach ihrer Heimatregion Bundelkhand benannt. Dort bildeten sie die hinduistische Herrscherschicht. In Südindien, wohin Teile von ihnen im 17. Jahrhundert auswanderten, nachdem der Moghul-Herrscher Jahangir ihr Reich erobert hatte, sind sie unter dem Namen Bondili bekannt. Heute sind die Bundelas in Indien als scharf kalkulierende Geschäftsleute sprichwörtlich. Die in der Bildunterschrift angedeutete Gleichsetzung eines Maratha mit einem Bundela ist falsch. (Werner Kraus)

Mann und Frau des Collerie-Volkes

Die Colleries waren ein Volk, das in der Gegend um Madura in Südindien lebte. Man zählte sie kollektiv zur Sūdra-Kaste. Sie waren sehr kriegerisch und wurden generell als Diebe und Räuber gefürchtet. Die Colleries waren besonders geschickt im Gebrauch ihres gebogenen Krummholzes, vullaree taddee genannt, und der Lanze. Beide Attribute sind auf dem Blatt zu sehen. Die Colleries wurden gern als Söldner für lokale Kriege angeworben und bestätigten dabei meist ihren Ruf als Diebe. Das Blatt zeigt bei der Frau auch einen Brauch des Volkes, nämlich die künstliche Verlängerung der Ohrläppchen durch das Einhängen von schweren Ohrringen. Der Mann auf dem Bild trägt die spärliche Kleidung eines »Unzivilisierten« und weist sich durch seine Bemalung als Anhänger Shivas aus. (Werner Kraus)
Eine gute Beschreibung dieses Volkes durch einen gewissen Mr. Turnbull findet sich in: Alexander’s East India and Colonial Magazin, Vol. 10, Juli-Dezember 1835, London, S. 215-227.

Ein Töpfer und seine Frau

Die Töpfer, kumār, vom Sanskrit Begriff kumbhakāra abgeleitet, waren trotz ihrer sprichwörtlichen Armut eine angesehene Sūdra-Kaste. Sie stellten, neben dem klassischen Tongeschirr, eine große Zahl von Produkten her, von Gebrauchskeramik bis zu Dachziegeln und Götterbildern. Einen großen Teil ihrer Ware trockneten sie an der Luft. Nur wenige Produkte wurden im Ofen gebrannt. Das hat damit zu tun, dass viele Gefäße wie Trinkgefäße und Reiskocher nur ein einziges Mal benutzt wurden. Aber auch der Mangel an Brennholz und Holzkohle unterstützte die Tradition.
Der Töpfer auf unserem Bild arbeitet an einer einfachen Drehscheibe, die durch einen Griff in die Speichen bewegt wurde. Oft wurde auf der Scheibe allein der obere Teil eines Gefäßes hergestellt, während das Unterteil von der Frau des Töpfers mit der Hand geformt wurde. An der Scheibe arbeiteten nur Männer, die auch für die Herstellung von Götterfiguren verantwortlich waren. In der Regel war indische Keramik nicht glasiert. (Werner Kraus)

Ein Maurer und seine Frau

Der Maurermeister, camatee, den man vielleicht auch als Baumeister bezeichnen kann, hält als Attribute seines Berufs eine Kelle und einen Maßstab in den Händen. Seine weiße Kleidung, der vor seiner Brust gekreuzte Schal, angavasha, sein Schmuck und seine Sandalen weisen auf eine angesehene und höher gestellte Person hin.
In der Gegend von Tanjore gab es sehr wenig Natursteine, sodass hauptsächlich gebrannte und ungebrannte Lehmziegel Verwendung fanden. Die gigantischen alten Tempel Tanjores aus der Chola-Zeit sind allerdings aus Granit gebaut und beweisen, dass es in historischen Zeiten ein hochentwickeltes Transportsystem und Bauhandwerk in Tanjore gegeben haben muss. (Werner Kraus)

Ein Hindu- oder Gentoo-Händler und seine Frau

Der Mann trägt einen Maratha-Turban und zeigt seine Verehrung Vishnus durch die Zeichen auf Stirn, Hals, Brust, Bauch und Armen. Seine Bekleidung besteht allein aus einem weißen dhoti. Sein Handelsgut, Armringe, trägt er in der Hand, um den Hals und in einem mitgeführten Sack. Die Frau trägt den üblichen, indigofarbenen Sari der Koromandelküste und hält als Attribut zwei Stoffzylinder, auf denen Reifen aufgezogen sind, in der Hand. Am Sari und am Schmuck kann man erkennen, dass sie zur Gemeinschaft der Manihar gehört.
Gentoo ist ein alter anglo-indischer Ausdruck, der Hindu im Gegensatz zu Muslim meint. Der Begriff kommt ursprünglich aus der portugiesischen Sprache, wo das Wort gentio »Heide« bedeutet. Die Portugiesen gebrauchten es, um die Hindus von den Muslimen, die sie Moros nannten, zu unterscheiden. Der Begriff kann seit 1638 nachgewiesen werden. Im 18. Jahrhundert kam es zu einer Bedeutungsverschiebung, und unter einem Gentoo verstand man nun hauptsächlich einen Telugu - Telugu ist eine südindische Sprache - sprechenden Hindu. (Werner Kraus)

Ein Gaukler und seine Frau

Der Magier, der Gaukler, der Schwertschlucker, der indische Seiltrick, der Fakir auf dem Nagelbrett oder jener, der sich mit einem Eisen beide Wangen durchstach - das alles sind Typen, die durch viele Reisebeschreibungen den Europäern nahegebracht wurden. Während Fakire sich durch lange Askese seltsame Fähigkeiten erarbeitet hatten, gab es auch Darsteller, die allein durch schnelle Tricks verblüffende Illusionen erzeugen konnten. Der hier Dargestellte dürfte wohl zu letzterer Kategorie gehören. (Werner Kraus)

Pilger mit heiligem Wasser aus Benares und seine Frau

Der Mann trägt eine dunkelblaue Jacke mit einem Blumenmuster, ein indisches Hüfttuch, dhoti, einen weißes Schal und eine eigenartige Kappe, die bis über die Ohren geht und aus dem gleichen Material wie die Jacke hergestellt ist. Auf der Schulter trägt er ein Joch, an dessen beiden Enden zwei Behälter befestigt sind. Daneben hängen am Joch ein Handtuch und ein kleiner Gong. In der linken Hand trägt er eine Art Tasche. Seine in einen weißen Sari gekleidete Frau trägt ebenfalls eine Tasche in der Hand. Sie ist reich geschmückt, was man allerdings nur symbolisch verstehen muss, da in der Realität eine Frau ihres Standes kaum so teuren Schmuck besessen haben dürfte und wenn, diesen sicher nicht auf ihrer langen Wanderung sichtbar getragen hätte.
Bei dem Paar handelt es sich um Pilger, die Ganges-Wasser aus Benares nach Rameswaram im äußersten Südosten des Landes tragen. Dort werden sie das Wasser über den linga, den symbolischen göttlichen Penis in Rameswaram gießen. Der linga gilt als Symbol der Kraft und Gegenwart des Gottes Rama (Avatar von Vishnu). Auf dem Heimweg tragen sie Sand vom Strand von Rameswaram (wo, laut dem Epos Ramayana, das Affenheer die Brücke nach Sri Lanka gebaut hatte, um die dort hin entführte Sita zu befreien) nach Benares, um ihn in den Ganges zu streuen. (Werner Kraus)

Ein islamischer Imam vor einem Sufi-Schrein

Der Islam war in Tanjore während des 18. Jahrhunderts eine Minderheitenreligion. Weniger als 8 % der Bevölkerung Tanjores waren Muslime. Selbst die Zahl der Christen in Tanjore war höher als die der Muslime. (Gleichwohl wurden Abbildungen von Christen nicht in das vorliegende Album aufgenommen.) Wie überall in Indien im 18. und 19. Jahrhundert war auch in Südindien der Islam in seiner mystischen Form, dem Sufismus, besonders stark vertreten. Wichtiger Bestandteil des sufitischen Volksislam war der Glaube an die Kraft von heiligen Orten. Diese Kraft, baraka, war stark an die Gräber verstorbener Sheikhs gebunden. Ein Sheikh oder Pir war das Oberhaupt einer islamischen Bruderschaft, tariqah. Besonders prominent im Süden waren die Chistiyyah und die Qadiriyyah. Ein solches Sufi-Grab ist hier zu sehen. Ob es sich dabei um eine reale oder nur erfundene Architektur handelt, ist nicht geklärt. (Werner Kraus)

Blinder Bettler und seine Familie

Ein blinder Mann mit Bettelsack und Bettelschale wird von seiner Frau an einem Stock geführt. Sie trägt ein Baby in einem Tuch, und ein etwa 8-jähriges Kind mit einem irdenen Geschirr auf dem Kopf geht mit ihnen. Sowohl der Bettler als auch seine Frau tragen ein Wassergefäß. Der Blinde hat die Vishnu-Symbole auf Stirn, Brust, Hals und Oberarme gemalt und hofft, dass man sich seiner um Vishnus Willen erbarmen möge. Die religiöse Funktion des Bettelns war es, anderen Menschen die Möglichkeit des tätigen Erbarmens anzubieten und es ihnen zu ermöglichen, metaphysische Verdienste zu erwerben. Bettelnde Blinde waren in allen vorindustriellen Gesellschaften ein vertrauter Anblick, denn ein blinder Mensch hatte in landwirtschaftlich und handwerklich ausgerichteten Gesellschaften wenige Möglichkeiten, sich seinen eigenen Lebensunterhalt zu verdienen. (Werner Kraus)

Ein Verwaltungsbrahmane und seine Frau

Brahmanen dienten nicht allein als Priester und religiöse Lehrer, sondern waren auch in anderen Berufen zu finden, besonders dort, wo man schriftkundiges Personal benötigte. Der hier abgebildete Brahmane arbeitet für die Verwaltung (einheimische oder britische?). Der Mann trägt einen Bart und einen kudumi, Haarknoten, und ist durch großflächige Vishnu-namam als ein Anhänger Vishnus gekennzeichnet. Namam bzw. sricharanam bedeutet »heiliger Fuß«. Das U-förmige Zeichen soll den Fußabdruck Vishnus wiedergeben, der rote Strich in der Mitte ist ein Hinweis auf Lakshmi, die weibliche Erscheinungsform von Vishnu. Bekleidet ist der Mann mit einem weißen dhoti mit rotem Rand und einem über die linke Schulter gelegten gelben Schal mit floralen Ornamenten. In der linken Hand hält er ein Palmblattmanuskript, die rechte empfängt einen pan, einen Betelpfriem, der in Indien als leichtes Rauschmittel gekaut wurde. Die Frau erscheint, wie auf fast allen Bildern, als dienende Allerweltsperson. Im Gegensatz zu den dargestellten Männern werden die Frauen auf diesen Bildern kaum als agierende Individuen abgebildet. (Werner Kraus)

Ein königlicher Fußsoldat und seine Frau

Dieses Bild ist fast identisch mit dem »Banty Man«, dem Maratha-Krieger. Obgleich die Bezeichnung eine andere ist (Rajah Peon) ist doch etwas sehr ähnliches gemeint. Ein Peon war ursprünglich ein Fußsoldat. Das Wort kommt vom portugiesischen pé, das »Fuß« bedeutet. Daraus entwickelte sich peão, bzw. das spanische peon, »Soldat zu Fuß« (Infanterist). Unter Peon verstand man in späteren Zeiten einen Laufburschen, einen Spion, ein Mitglied der Polizei oder den Bauern beim Schachspiel. Das Wort hielt sich besonders lange in Südindien, das mehr von der portugiesischen Sprache beeinflusst war als der Norden. In Nordindien nannte man die gleiche Person chuprassy, in Bombay puttywalla. Die Tatsache, dass es auch einmal dazu kam, zwei fast identische Bilder mit unterschiedlichen Unterschriften auszustatten, deutet auf die Arbeitspraxis der Malwerkstätten in Tanjore hin. Offensichtlich hatte man eine beschränkte Anzahl von Typen im Programm, die dann auch unter anderen Bezeichnungen vermarktet wurden. (Werner Kraus)

Ein Götterbild aus Madura

Unter Swami versteht man vor allem in Südindien ein Hindu-Götterbild. Das Wort leitet sich vom Sanskrit-Begriff sudmin, der »Gott« oder »Herr« bedeutet, ab. Auf unserem Bild wird ein Avatar Vishnus in einer Prozession durch die Stadt getragen. Dass es sich um einen Avatar Vishnus handelt, ergibt sich aus der Stirnbemalung (namam) des Anführers der Prozession. Die von Musik begleitete Götterprozessionen, die regelmäßig stattfanden, führten in der Regel durch die Städte. Die Darstellungen der unterschiedlichen Swami-Prozessionen im vorliegenden Album bilden aber nie ein städtisches Ambiente ab, immer wird das Hauptereignis isoliert dargestellt. Ob die Tanjore-Maler nicht in der Lage waren, größere Kompositionen mit architektonischen Hintergründen darzustellen, oder ob die isolierte Darstellung des Göttlichen Teil ihrer Tradition war, konnte bislang noch nicht geklärt werden. (Werner Kraus)

Eine Ashura-Prozession in Tanjore

Das Prozessionsbild stellt symbolisch die pandschtan, die »fünf Leute«, dar, die im schiitischen Islam eine besondere Rolle spielen. Die fünf Leute sind der Prophet Mohammed in der Mitte, rechts flankiert von seiner jüngsten Tochter Fatima, deren Mann Ali (links von Mohammed) sowie Hasan und Husain, die beiden Söhne von Fatima und Ali. Da die Schiiten bei der Nachfolge Mohammeds nicht mit der Wahl des Kalifen (Imam) einverstanden waren, sondern darauf bestanden, dass dieser aus der Familie des Propheten kommen müsse, kam es zur Spaltung von Sunniten und Schiiten. Die pandschtan sind der Kern und Beginn der schiitischen politischen Theologie, die davon ausgeht, dass nur engste Verwandte der Propheten die Gemeinde führen dürfen. Nach dieser Theorie waren die pandschtan die einzig wirklich legitimierten Führer in der Nachfolge Mohammeds. Die Sunniten dagegen vertraten die Auffassung, dass der Führer der Gemeinde, der Kalif, in sein Amt gewählt werden müsse. Dieser Gegensatz ist ein Grund für die immer wieder aufflackernden Auseinandersetzungen zwischen Schiiten und Sunniten. Im schiitischen Volksglauben werden die pandschtan als die fünf großen Helfer betrachtet, an die man sich in persönlichen Notsituationen wenden kann. Das bekannte islamische Amulett, das sogenannte Fatima-Händchen, hat die gleiche Symbolik. Während die beiden Männer mit dem nackten Oberkörper und den goldenen Hauben wahrscheinlich Flagellanten sind, ist die Symbolik der neben ihnen stehenden Figuren, die einen geschmückten Baum tragen, noch unbekannt. Diese beiden Figuren sind auch deshalb interessant, weil sie unvollständig, noch nicht ausgemalt sind. Sie erscheinen nur in gezeichneten Umrissen und gewähren uns einen Einblick in die Werkstatt der Maler und in den Entstehungsprozess der Gouachen. (Werner Kraus)

Ein Schuster und seine Frau

Im Gegensatz zum Pantoffelmacher haben wir es hier mit einem Schuster einer niedrigeren Kaste zu tun. Sein Stand wird nicht allein durch seine Kleidung ausgedrückt, sondern auch durch seinen Gesichtsausdruck, der nicht mit dem des Pantoffelmachers zu vergleichen ist. Als Attribute halten er und seine Frau Schuhe von minderer Güte in der Hand. Ähnlich wie der Pantoffelmacher trägt auch der Schuster seine Gerätschaften in einem Tuch über der Schulter bei sich. (Werner Kraus)

Eine Hochzeit

Hochzeit eines noblen Maratha-Würdenträgers. Während die Unterschrift des Bildes lediglich von einer »Gentoo«, also Hindu-Hochzeit, spricht, sieht man an den Kopfbedeckungen der Männer, dass es sich um Marathen handelt. Marathen stellten das Herrscherhaus in Tanjore, und viele Regierungsposten waren mit Marathen besetzt. Mit einem verunglückten Versuch, einen perspektivischen Raum zu schaffen, zeigt der Künstler, dass ihm dieses Instrument noch fremd ist, aber dass er weiß, dass die Perspektive zu den Vorlieben der Europäer zählt.
Der Bräutigam sitzt in der Manier einer Moghul-Miniatur mit einer Rose in der Hand neben seiner Braut, die sich, ihrem neuen Stand entsprechend, verschämt zum Boden neigt. Fünf Männer, deren Bemalung zeigt, dass sie dem Shiva-Kult angehören, sitzen vor dem Brautpaar. Die Haarsträhne auf ihrem geschorenen Schädel sowie die heilige Schnur, die sie tragen, weist sie als Brahmanen aus. Der fürstliche Charakter der Zeremonie wird durch die links und rechts sitzenden Würdenträger angedeutet, durch die vielen Musiker und durch die nautch, die Tänzerinnen. Die eigenartige Kleinheit der Sepoys, bei denen es sich offensichtlich um die Garde des Raja von Tanjore handelt, kann nicht gerade als Wertschätzung für diese gelesen werden. Vielleicht wird auf diesem Bild die Hochzeit Raja Serfojis dargestellt? (Werner Kraus)

Pflügen und Pflanzen

Südindien ist, im Gegensatz zum Norden, Reisland. Reis ist die Grundlage der Ernährung, und wo immer möglich, wird er auf bewässerten Feldern angebaut. Am Unterlauf des mächtigen und heiligen Flusses liegt Tanjore, dessen Reichtum seit alters her auf den geschickten Bewässerungssystemen des Kaveri-Tales, die mehrfache jährliche Ernten erlauben, beruht. Da es in tropischen Gebieten keine wirklichen Jahreszeiten gibt, kann Reis kontinuierlich angebaut werden.
Im Vordergrund sehen wir einen Bauern, der mit zwei Stieren pflügt, während im Hintergrund Frauen die frisch gesprossenen, jungen Reispflanzen einzeln versetzen. Rechts steht der Reis dagegen schon gelb auf dem Halm und ist fast erntereif. (Werner Kraus)

Hindu-Tänzerin

Tanzaufführungen, nautch (Sanskrit: nrtya), gehörten bis ins 19. Jahrhundert, zu den Standardmethoden, mit denen man sein Publikum - indisch oder europäisch - unterhielt. Die Tradition, Tänzerinnen auszubilden und anzustellen, wurde vor allem an den islamischen Höfen des Nordens gepflegt. Dort nannte man diese Tanzdarbietungen katthak. Aber auch die Hindus pflegten den Tanz. Stärker als bei Muslimen war dieser bei den Hindus Teil der religiösen Praxis. Schließlich galt Shiva, in seiner Erscheinung als Nataraj, als der Erfinder des Tanzes. Die größten Tanzfeste, nautch, fanden zu Ehren der Göttin Durga statt. Die Trennung zwischen religiösen und gesellschaftlichen Tanzanlässen war bei den Hindus nie sehr ausgeprägt. Im späten 19. Jahrhundert, als englische Lieder mit in die nautch-Aufführungen einbezogen wurden, kam es zum Niedergang dieser Kultur. Dazu beigetragen hat auch die immer stärker werdende Präsenz englischer Frauen in der Kolonie, die es nicht besonders gern sahen, dass sich ihre Männer am (oft erotischen) Tanz junger Inderinnen erfreuten. Auf unserem Bild wird die Tänzerin von vier Musikern begleitet: zwei Dudelsackspielern, einem Tabla- und einem Zimbel-Spieler. (Werner Kraus)

Srirangam. Prozession mit Oberpriester

Die Bildunterschrift spricht von Serringham. Das ist eine Verballhornung von Srirangam, einer Insel im Kaveri-Fluss in Südindien, die durch ihren sehr verehrten Vishnu-Tempel bekannt ist. Srirangam, das etwa 5 km nördlich von Trichinopoly, dem heutigen Tiruchirappalli, und 60 km westlich von Tanjore liegt, war von alters her ein wichtiges Pilgerzentrum, das oft auch als das Benares des Südens bezeichnet wird. Die beiden Haupttempel, die heute noch das Stadtbild bestimmen, sind der Sri-Ranganathaswami- und der Sri-Jambukeswar-Tempel.
Der hier abgebildete »Minister« ist der Oberpriester des Tempels von Srirangam, der Ober-Brahmane des Vishnu-Kultes, der in einer Prozession durch die Stadt getragen und von den Gläubigen verehrt wird. Wie immer auf den Bildern dieses Albums ist kein architektonischer Hintergrund gemalt. Die Stadt, durch die diese und andere Prozessionen führen, muss aber mitgedacht werden. (Werner Kraus)

Der Herrscher von Tanjore bei einer Nachtreise

Auf dem Bild wird der Raja auf Reisen dargestellt. Wie im heißen Südindien üblich, reiste auch er bei Nacht, allerdings auf dem Rücken seines Staatselefanten. Begleitet wird er von seiner uniformierten Leibgarde und von Würdenträgern sowie einer großen Zahl von Dienern. Vielleicht spielt das Bild auf die zweijährige Pilgerreise Serfojis nach Benares an. (Werner Kraus)

Sella-Pilly-Swami

Bei dem hier in Prozession getragenen Götterbild handelt es sich um eine Darstellung Krishnas (an der blauen Gesichtsfarbe erkennbar), einen der Avatars des Gottes Vishnu. Möglicher Weise handelt es sich dabei um das Krishna-Bild aus dem Tempel von Srirangam. Die Darstellung von zehn Avatars des Vishnu war ein beliebtes Motiv für Bilder-Alben. Diese wurden hauptsächlich von Malern in Srirangam hergestellt, die allerdings entweder aus Tanjore kamen oder stark von der Tanjore-Malerei beeinflusst waren. Die zehn Avatars des Vishnu in der Tradition der Srirangam- bzw. Tanjore-Malerei sind der Fisch, die Schildkröte, das Wildschwein, der Löwenmensch, der Zwerg, der mythischen Helden Parasurama, Rama, Krishna, Balarama und Kalki. Buddha, der in der nordindischen Ikonographie die 9. Inkarnation von Vishnu ist, wurde in Tanjore und Srirangam meist durch Balarama, den älteren Bruder Krishnas, ersetzt. Dem Zug geht wieder ein Tanzmädchen, nautch, und eine Musikgruppe voraus. Eine Besonderheit der Darstellung ist, dass sowohl vor als auch nach dem Götterbild ein Sepoy, ein einheimischer Soldat mit Gewehr und aufgepflanzten Bajonett, geht. (Werner Kraus)

Muslimische Tänzerin

Verglichen mit ihrer Hindu-Kollegin erscheint die »mohrische«, also islamische Tänzerin, wesentlich verhaltener und distanzierter. Auch ihre Bekleidung entspricht mehr der islamischen Sitte in Länge und Geschlossenheit. Allerdings verhüllt auch sie ihr Haupthaar nicht, was ein Hinweis auf den liberalen, von lokalen Traditionen geprägten Islam Südindiens im 18. Jahrhundert ist. Während die Instrumente der Musiker sich nicht von denen der Hindus unterscheiden, tut dies ihre Kleidung sehr wohl. Die Hindu-Musiker tragen den dhoti, die muslimischen Musiker einen langen Rock. Außerdem tragen sie Schuhe. Die Haltung der jungen Tänzerin, ihr Spiel mit dem Schal, unterscheidet sich auffällig von den Handhaltungen, mudra, der Hindu-Tänzerin. (Werner Kraus)

Rama und Hanuman in Prozession

Rama, Held des indischen Epos »Ramayana« und Avatar Vishnus, wird hier von Hanuman, dem Anführer der Armee der Affen, auf den Schultern getragen. Es handelt sich um ein Götterbild aus einem südindischen Tempel. An den Turbanen der begleitenden Personen lässt sich erkennen, dass es sich hier um eine von Maratha-Herrschern kontrollierte Stadt handeln muss. Tanjore war eine solche Region, und es könnte sein, dass es sich hier um ein real existierendes Götterbild aus einem Tempel in Tanjore handelt. Die Unterschrift des Bildes »Ramah Swamy on a Monkey’s back« kann von keinem Inder stammen. Hanuman genießt quasi göttlichen Status und wird von keinem Kenner der Hindumythologie respektlos als »Affe« bezeichnet. Das Bild zeigt einen Prozessionsaufenthalt, während dessen die Statue besprengt und ihr gehuldigt wird. Sowohl die Farbe Blau, als auch die Stirnbemalungen der Priester zeigen, dass es sich hier um einen Vishnu-Kult handelt. Links am Rand sieht man, dass Tänzerinnen nicht nur bei gesellschaftlichen, sondern hauptsächlich bei religiösen Anlässen auftraten. (Werner Kraus)

Wagenprozession der Göttin Mariamman

Mariamman (Mutter Mari) ist die wichtigste südindische Muttergottheit, von der man sich früher die Abwehr der Pocken erhoffte. Sie wird in der Regel als schöne Frau mit mehreren Armen dargestellt. Die Vielzahl der Arme symbolisiert die Vielzahl ihrer Potenzen und Kräfte. Mariamman ist aber auch zuständig für die Fruchtbarkeit der Frauen und die Gesundheit der ungeborenen Kinder. Einer der bekanntesten Mariamman-Tempel steht in Punainallur in Tanjore, auf den sich auch unser Bild bezieht. Der Sage nach erschien dem Raja von Tanjore, Venkoji Maharaja Chatrapati (1676-1688), die Göttin Mariamman im Traum und trug ihm auf, sie in einem Punna-Wäldchen bei Tanjore zu suchen. Als der Raja am nächsten Tag sich dahin begab fand er eine Statue der Göttin und ließ dort einen Tempel zu ihren Ehren errichten. Dieser Punnainallur-Tempel besteht bis heute, und jährlich wird dort ein zehntägiges Fest gefeiert, an dessen 9. Tag die Statue der Göttin auf einem riesigen Wagen durch die Stadt gezogen wird.
Dieses Fest ist hier abgebildet. Während der reich geschmückte Wagen nach links gezogen wird, streben einige Männer nach rechts, wo sich kleine, erhitzte irdene Gefäße auf Rollen befinden. Diese nehmen sie auf und tragen sie für eine gewisse Strecke in ihren bloßen Händen. Einige Teile der Gouache (der Mann links, mit der Vielzahl von Gefäßen auf dem Kopf) sind nicht vollständig ausgearbeitet, sodass wir einen Einblick in die Herstellungstechnik dieser Bilder gewinnen. (Werner Kraus)